Zum Hintergrund

Die Diskussion um den Wegfall von Industriearbeitsplätzen durch den technischen Fortschritt ist so alt wie Technisierung und Automatisierung in der Industrie. Schon in den 1960er Jahren war die Automatisierung ein Aufreger in der öffentlichen Diskussion; diese Debatten wiederholten sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit in den vergangenen 50 Jahren mit unterschiedlichen Schlagworten wie Industrieroboter, CIM und Halle 54 oder aktuell Industrie 4.0.

Immer im Fokus standen und stehen dabei die un- und angelernten Tätigkeiten, mithin die Tätigkeiten, die wir als Einfacharbeit bezeichnen. Der Begriff der Einfacharbeit benennt zunächst Tätigkeiten, die keine einschlägige Berufsausbildung verlangen, nach kurzen Qualifizierungs- oder Einarbeitungsprozessen ausgeführt werden können und sich durch einen hohen Anteil ‚repetitiver Teilarbeiten‘ auszeichnen. Übergeordnetes Wissen und Hintergrundwissen spielen keine oder eine untergeordnete Rolle. Typische Tätigkeiten in der Industrie sind die manuelle Maschinenbedienung und kurzzyklische Maschinenbeschickung, repetitive Verpackungs- oder Montagetätigkeiten sowie Lager- und Kommissioniertätigkeiten in der Logistik. Bemerkenswerterweise hält sich trotz des technischen Fortschritts bis in die heutige Zeit ein nicht unerheblicher Sockel einfacher Tätigkeiten in der Industrie. Nach aktuellen Erkenntnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat der Anteil der Einfachbeschäftigten an allen Beschäftigten sogar wieder zugenommen.

DFG-Projekt „Bedingungen und Entwicklungsperspektiven ‚einfacher‘ Industriearbeit“

Vor diesem Hintergrund wurde bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein Projekt unter dem Titel "Bedingungen und Entwicklungsperspektiven ‚einfacher´ Industriearbeit" beantragt und von der DFG vom 1. Mai 2008 bis zum 31. Mai 2012 gefördert. Das Projekt zielte auf die Analyse der Bedingungen und Entwicklungsperspektiven industrieller Einfacharbeit in Deutschland.

Das Vorhaben wollte die seit geraumer Zeit vertretene Auffassung prüfen, dass Einfacharbeit angesichts säkularer Tendenzen des Upgradings von Qualifikationen nur noch eine Residualgröße bei der Entwicklung der Erwerbsarbeit in Deutschland darstelle; lediglich im Servicebereich finde sich Einfacharbeit in größerem Umfang. Ausgehend von empirischen Evidenzen wurde im Projekt hingegen die These vertreten, dass ein solcher Typus von Arbeit im sekundären Sektor unter spezifischen Bedingungen eine stabile Entwicklungsperspektive für Industriearbeit bezeichnet.

Damit sollte ein empirisch fundierter, kritischer und differenzierender Beitrag zur Debatte um den wirtschaftlichen Strukturwandel und die Entwicklungstendenzen von Industriearbeit erarbeitet werden. Im Einzelnen zeigte die empirische Analyse, ob und in welchem Ausmaß Einfacharbeit auftritt, auf welche Sektoren sie sich bezieht und in welchen Branchen, Betriebsgrößen und möglicherweise Regionen sie stattfindet. Neben einem Beitrag zur arbeits- und industriesoziologischen Diskussion waren mit dem Projekt auch eine gesellschaftspolitische Perspektive und damit politisch-praktische Ziele verbunden. Aus den Ergebnissen lassen sich Empfehlungen, Schlussfolgerungen und weiterführende differenzierende Erkenntnisse für die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik ableiten.

Das Projektvorhaben stützte sich auf eine Kombination qualitativer und quantitativer Erhebungsmethoden:

(1) Bei den qualitativen Methoden wurden Fallstudienanalysen und leitfadengestützte Experteninterviews in ausgewählten Klein- und Mittelbetrieben unterschiedlicher Branchen des verarbeitenden Gewerbes durchgeführt.

(2) Um die Breitenrelevanz der qualitativ zu erhebenden Informationen und die auf diesem Wege gewonnenen Befunde, hinreichend abschätzen zu können, sollten die qualitativen Erhebungen durch eine Sekundärauswertung verfügbarer Breitendaten ergänzt und begleitet werden.

 

 

Die Ergebnisse des Vorhabens wurden in einer Reihe von Publikationen veröffentlicht, insbesondere in dem Band "Einfacharbeit in der Industrie. Strukturen, Verbreitung und Perspektiven" von Jörg Abel, Hartmut Hirsch-Kreinsen und Peter Ittermann, der 2014 bei der edition sigma in Berlin erschien und jetzt bei Nomos erhältlich ist (Link zur Publikation). 

Nachfolgende Forschungsarbeiten

Die Ergebnisse des DFG-Projektes haben Anstöße für weitere Projekte und Veröffentlichungen erbracht, in denen ausgewählte Fragen vertiefend behandelt wurden. Dies waren u.a. Themen wie Kompetenzentwicklung und Qualifizierung oder Auswirkungen der Digitalisierung auf Einfacharbeit in der Logistik. 2019 erschien bei Nomos ein Sammelband über "Szenarien digitalisierter Einfacharbeit", den Hartmund Hirsch-Kreinsen, Peter Ittermann und Jonathan Falkenberg herausgegeben haben (Link zur Publikation).

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